WissenschaftGletscherforschung

Thwaites-Gletscher: Studie verdoppelt Meerspiegel-Prognose auf bis zu 3 Zentimeter bis 2100

Ein Modell der UC Irvine und der NASA-JPL beziffert den Beitrag des Thwaites-Gletschers zum Meeresspiegelanstieg bis 2100 auf bis zu 3 Zentimeter – rund doppelt so viel wie zuvor. Entscheidend ist ein bislang unterschätzter Mechanismus am Gletschergrund.

anltx Redaktion3 min Lesezeit Mit KI erstellt

Was die neue Studie zeigt

Ein Modell, entwickelt von Forschenden der University of California in Irvine und des Jet Propulsion Laboratory der NASA, kommt für den antarktischen Thwaites-Gletscher bis 2100 auf einen Beitrag zum globalen Meeresspiegelanstieg von bis zu 3 Zentimetern. Das ist nach Angaben der in "Nature Communications" veröffentlichten Untersuchung etwa das Doppelte dessen, was frühere, in der Arbeit berücksichtigte Schätzungen für möglich hielten. Die Projektion setzt keinen weiteren Anstieg der globalen Temperatur voraus.

Warum die bisherigen Modelle zu niedrig lagen

Im Zentrum steht ein Punkt, den die Modelle bislang als scharfe Grenze behandelten: die sogenannte Auftauch- oder Verankerungslinie, an der das Eis den Meeresboden verlässt und zu schwimmen beginnt. Die Forscher schlagen stattdessen eine kilometerweit ausgedehnte "Verankerungszone" vor, in der relativ warmes Meerwasser unter das Eis dringen kann. Dieses als Gezeitenpumpen bezeichnete Auf und Ab hebt und senkt die Eismasse bei jedem Tidezyklus und sorgt so für ständig nachströmendes, wärmeres Wasser.

Mit diesen zusätzlichen Prozessen reproduzierte die Simulation die seit den 1990er-Jahren beobachteten Veränderungen deutlich genauer; die modellierten historischen Veränderungen fallen laut Studie bis zu viermal stärker aus als zuvor angenommen. Entscheidende Daten lieferte dabei das finnische Radarsatellitennetzwerk ICEYE: Es zeigte, wie Meerwasser mehrere Kilometer unter das am Meeresboden verankerte Eis vordringt und es dabei anhebt. Prozesse dieser Art fehlten in den Modellen bislang.

Was der Meeresboden entscheidet

Thwaites liegt in der Westantarktis im Amundsenmeer, das laut einem der Quellenberichte für rund ein Drittel des Massenverlusts der gesamten Eisdecke verantwortlich ist. Der Gletscher ist so groß wie etwa Florida und trägt nach den Angaben schon heute rund 4 Prozent zum aktuellen Meeresspiegelanstieg bei. Sein Eisbecken enthält genug Eis, um die Meere um mehr als 60 Zentimeter zu heben; fiele er vollständig, würde das zurückgehaltene Gletschereis dahinter in größerem Umfang freigesetzt – ein Beitrag in der Größenordnung mehrerer Meter ist damit nicht ausgeschlossen.

Der Untergrund fällt zum Landesinneren hin ab, was beschleunigten Rückzug begünstigt: Mit dem Gletscher wächst die Fläche, die Meerwasser erreichen kann. Zwei Erhebungen bremsen das Eis derzeit noch. Eine davon, der Mouginot-Rücken, könnte nach den Simulationen vor Ende des Jahrhunderts überrannt werden – die Studie beziffert die Wahrscheinlichkeit, dass Thwaites bis 2100 den Kontakt zu diesem Rücken verliert, auf 60 Prozent. Danach könnte sich der Gletscher zügig hangabwärts bis zur nächsten Erhebung zurückziehen.

Warum das für Küsten zählt

"Unsere Ergebnisse zeigen, dass das Risiko von Küstenüberschwemmungen und die Zahl der betroffenen Menschen in den nächsten Jahrzehnten größer sein könnten als bisher angenommen", so Eric Rignot, Mitautor der Studie und Professor für Erdwissenschaften an der UC Irvine (sinngemäß übersetzt). Die zusätzlichen Zentimeter heben laut den Quellen die Ausgangswasserhöhe und können dort verschärfen, wo sich der Anstieg mit Sturmfluten, höheren Wasserständen und Extremwetterereignissen addiert.

Was noch unklar ist

Ein Datum für einen möglichen Kollaps des Gletschers nennt die Studie nicht; auch das Szenario nach Verlust des Mouginot-Rückens bleibt laut den Quellen unsicher. Zu europäischen Küstenregionen, einzelnen Küstenorten oder Anpassungsmaßnahmen machen die Berichte keine Angaben – Folgen für Europa lassen sich daraus nicht beziffern. Auch wie stark die Beiträge einzelner Küstenregionen auseinanderfallen, wird nicht aufgeschlüsselt.

Quellen

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