Thwaites-Gletscher: Meeresspiegel-Beitrag könnte sich bis 2100 verdoppeln
Studie verdoppelt Prognose für Thwaites-Gletscher
Der Thwaites-Gletscher in der Westantarktis könnte bis zum Jahr 2100 bis zu 30 Millimeter (6 mm Standardabweichung) zum globalen Meeresspiegelanstieg beitragen. Das ist etwa doppelt so viel wie bisherige Schätzungen – und das selbst ohne weitere Erderwärmung. Das geht aus einer am Montag im Fachmagatzin Nature Communications veröffentlichten Studie hervor.
Was ist neu: Grundwasserzonen statt fixer Grenze
Glaciologen der University of California, Irvine und des NASA Jet Propulsion Laboratory haben einen neuen Eismodell-Ansatz (ISSM) entwickelt. Der entscheidende Unterschied zu früheren Modellen: Die sogenannte Grundlinie – der Punkt, an dem das Eis vom Meeresboden abhebt und zum Eisbrett wird – wird nicht als feste Grenze modelliert, sondern als dynamische Zone von 2 bis 5 Kilometern Breite.
Satellitendaten der US-finnischen ICEYE-Konstellation zeigen, dass Meerwasser in diesen Zonen mit den Gezeiten ein- und ausfließt, das Eis hebt und senkt ("tidal pumping") und so relativ warmes Tiefenwasser tisch ins Eis vordringt. Nur wenn die Modelle diese aktiv schmelzenden Grundzonen abbilden, lassen sich die beobachteten Rückzugs-, Dünnungs- und Beschleunigungsraten des Gletschers von 1996 bis 2023 nachvollziehen.
Warum relevant: Mehr Risiko für Küstenregionen
Der Thwaites-Gletscher, so groß wie Florida, liefert bereits rund 4 % zum aktuellen globalen Meeresspiegelanstieg. Er genügt theoretisch, um den Meeresspiegel um 65 cm anzuheben. Weil er zusätzlich als Keil das antarktische Eisschild stützt, könnte bei einem vollständigen Zusammenbruch ein Anstieg um rund drei Meter folgen.
Die Studie zeigt, dass zwei Unterwellen-Rücken das Eis stabilisieren. Die "Entpinnung" von der Mouginot-Rücke könnte schon ab 2038 beginnen – mit 60 % Wahrscheinlichkeit bis Ende des Jahrhunderts. Danach würde der Gletscher auf dem abfallenden Meeresboden weiter zurückweichen.
Was ist noch unklar
Experten, die nicht an der Studie beteiligt warnen, dass weitere Forschung nötig ist. Robert Larter von der British Antarctic Survey hält die Prozesse unter dem Gletscher für komplexer als im Papier beschrieben. Auch Eric Rignot (UC Irvine), einer der Autoren, räumt ein, dass direkte Messdaten aus der Grundzone fehlen. Die aktuellen basieren auf Satellitenbeobachtungen und Modellierung.
Wie geht es weiter
Die Forschungsplant eine Expedition im Jahr 2028 zum Thwaites-Gletscher, um Instrumente zur Dokumentation des Wasseraustauschs in der Grundzone einzusetzen.
Quellen
Thwaites-GletscherMeeresspiegelAntarktisKlimaforschungNature CommunicationsISSMICEYE
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