Monsterwelle vor Vancouver Island: 17,6 Meter bei nur sechs Metern Seegang
Das außergewöhnliche Verhältnis
Eine Messboje registrierte am 17. November 2020 auf der Amphitrite Bank, rund sieben Kilometer vor dem Küstenort Ucluelet an der Westküste von Vancouver Island (Kanada), einen Wellenkamm, der fast zwölf Meter über dem mittleren Meeresspiegel lag. Vom vorhergehenden Wellental bis zur Spitze maß die einzelne Welle 17,6 Meter. Die signifikante Wellenhöhe im selben Zeitraum betrug lediglich 6,05 Meter – die Einzelwelle erreichte also das 2,9-Fache des Vergleichswerts. Je nachdem, welches angrenzende Wellental man für die Messung heranzieht, ergeben sich sogar 19,5 statt 17,6 Meter. Nebenwellen blieben deutlich kleiner, die Extremwelle war Teil einer Gruppe von rund zehn Wellen.
Ausgewertet wurde der Datensatz von Johannes Gemmrich und Leah Cicon von der University of Victoria. Die Untersuchung erschien im Februar 2022 in der Fachzeitschrift Scientific Reports, Grundlage waren Messungen des kanadischen Datenanbieters MarineLabs Data Systems sowie ergänzende Modellrechnungen. Der Rekord ist damit kein Fund von heute, sondern das Ergebnis einer bereits publizierten Auswertung.
Wie das bei mäßiger See entstehen kann
Bislang wurden extreme Einzelwellen von Forschenden vor allem bei hohem Seegang direkt beobachtet. Das Team vergab die Beobachtungen aus rund zehn Monaten mit zahlreichen simulierten Wellenfolgen, in denen sich Wellen verschiedener Frequenzen zufällig überlagerten. Berücksichtigt wurde zusätzlich, wie sich steile Wellenberge durch nichtlineare Effekte verformen. Die Simulationen bildeten die statistische Verteilung der gemessenen Wellenhöhen einschließlich ungewöhnlich großer Einzelwellen gut ab. Hinweise auf eine entscheidende Rolle der Modulationsinstabilität fanden die Forschenden dagegen kaum.
Der Befund spricht dafür, dass allein das zufällige Zusammentreffen verschiedener, durch ihre Form zusätzlich verstärkter Wellen solche Extreme hervorbringen kann – zumindest im untersuchten Fall. Als allgemeinen Bildungsmechanismus nennt Trends der Zukunft Stürme, die gegen eine Meeresströmung blasen, sodass schnellere Wellen langsamere einholen. Als Monsterwelle gilt in diesem Bericht eine Welle, die mindestens doppelt so hoch ist wie die Wellen ihrer Umgebung; Schätzungen sprechen von etwa einer unter 10.000 Wellen, im Winter fallen sie demnach relativ zum Seegang extremer aus.
Vergleich mit der Draupner-Welle
Absolut bleibt die Welle von Ucluelet hinter dem bekannten Referenzfall zurück: Am 1. Januar 1995 erfasste ein Messgerät an der Ölplattform Draupner in der Nordsee vor Norwegen25,6 Meter, umgeben von etwa zwölf Meter hohen Wellen. Relativ zu ihrem Umfeld war die kanadische Welle jedoch deutlich ausgeprägter. „Im Verhältnis zum übrigen Seegang ist die Welle von Ucluelet wahrscheinlich die extremste jemals aufgezeichnete Monsterwelle“, sagt Gemmrich.
Risiko für Schiffe und Küste
Weder die Draupner- noch die Ucluelet-Welle richtete Schäden an. Andere Monsterwellen taten das; Fachleute halten sie für die wahrscheinlichste Ursache mancher Schiffsuntergänge. Scott Beatty von MarineLabs betont die Gefahren: „Die Unvorhersehbarkeit von Monsterwellen und die enorme Kraft dieser ‚Wasserwände‘ können sie für den Schiffsbetrieb und die Öffentlichkeit äußerst gefährlich machen“.
Was ist noch unklar
Eine punktgenaue Vorhersage der nächsten Riesenwelle ergibt sich daraus nicht. Die oft genannte Seltenheit von einem Ereignis in 1.300 Jahren ist laut Scinexx eine modellabhängige Abschätzung für bestimmte Seegangsbedingungen und keine globale Aussage über weltweite Abstände. Das Team fand zwar einen Zusammenhang zwischen großen Wellen und der Kamm-Tal-Korrelation, also der Beziehung zwischen Wellenberg und following Wellental – diese Kennzahl lässt sich grundsätzlich auch aus üblichen Wellenprognosen berechnen, war im Küstenbereich mit dem verwendeten Modell aber deutlich ungenauer als die Vorhersage der normalen Wellenhöhe. Ob sich Monsterwellen generell vorhersagen lassen, bleibt laut Gemmrich eine offene Frage.
Wie es weitergeht
Die Auswertung umfasste zusätzlich Messreihen einer weiteren Küstenboje und mehrerer Hochseebojen. Die Daten des MarineLabs-Messnetzes sollen nach Angaben des Anbieters klären, wann, wo und wie solche Wellen entstehen. Trends der Zukunft verweist zudem auf eine Studie, die für den Nordpazifik steigende Wellenhöhen infolge des Klimawandels erwartet.
Quellen
MonsterwelleOzeanographieVancouver IslandSeefahrtKlimawandel
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