WissenschaftMeeresströmung unter Druck

AMOC-Forschung im Widerspruch: Dänische Modelle sehen Erholung, Utrechter Studie warnt vor Kipppunkt

Neue Berechnungen zur Atlantischen Umwälzzirkulation liefern gegensätzliche Botschaften: Das Dänische Meteorologische Institut sieht kein unumkehrbares Kippen, eine niederländische Studie deutlich niedrigere Schwellen.

anltx Redaktion3 min Lesezeit Mit KI erstellt

Die Ausgangslage

Die Atlantische Umwälzzirkulation (AMOC) transportiert warmes Tropenwasser Richtung Europa und Arktis und ist nicht mit dem Golfstrom vor der US-Ostküste gleichzusetzen – der ist nur ein Teil des Systems. Laut aktueller Datenlage ist die Strömung so schwach wie seit rund 1600 Jahren. Treiber des Abschwächens ist nach Angaben der Quellen das Schmelzwasser Grönlands: Süßwasser ist leichter als Salzwasser und sinkt schlechter ab, wodurch das Absinken als Antrieb des gesamten Systems nachlässt. Südlich von Grönland hält sich seit Jahren ein auffälliger Kältefleck, den viele Ozeanforscher als Alarmsignal deuten.

Ob das System in einen Dauerzustand kippt oder sich erholen kann, beantworten aktuelle Studien gegensätzlich.

Dänische Modellierung: Erholung ist grundsätzlich möglich

Forscher des Dänischen Meteorologischen Instituts (DMI) kommen zu dem Ergebnis, dass eine Schwächung nicht zwangsläufig in einem dauerhaften Zusammenbruch enden muss. In ihren simulierten Szenarien sinkt der Wasserdurchsatz von rund 17 Millionen Kubikmetern pro Sekunde auf etwa 6 Millionen bei einer Erwärmung um sieben Grad. Ein klassischer Kipppunkt, der eine Umkehr unmöglich machte, existiert in den Berechnungen nicht; die Strömung reagiert ebenso direkt auf eine Abkühlung. Klimaforscher Chuncheng Guo vom DMI kritisiert, die öffentliche Debatte stelle die Zukunft der Meeresströmungen zu stark als Wahl zwischen totalem Kollaps und völliger Unberührtheit dar.

Einschränkung der Forscher: Die für eine schnelle Regeneration notwendige Abkühlungsrate ist derzeit technologisch noch nicht realistisch. Weitere Modelle seien nötig, um die Robustheit der Ergebnisse abzusichern.

Niederländisches Modell: Kippen bei zwei Grad möglich

Deutlich düsterer fällt das Bild der Utrechter Studie aus, die im August in Nature Climate Change erschien. René van Westen und Henk Dijkstra fanden, dass die Strömung bei langsamem CO₂-Anstieg im Modell selbst bei fünf Grad Erwärmung stabil bleibt. Steigt der CO₂-Gehalt jedoch so schnell wie heute mit rund 2,5 ppm pro Jahr, setzt der Kollaps bereits bei etwa zwei Grad ein. Kritisch werde es demnach ab rund 0,3 Grad Erwärmung pro Jahrzehnt – einem Tempo, dem die Welt sich bereits nähert.

Ein Abgleich von Klimamodellen mit Messdaten durch ein Team um Valentin Portmann vom französischen Forschungsinstitut Inria ergibt laut der Veröffentlichung in Science Advances, dass die AMOC bei mittleren Emissionen bis 2100 rund 51 Prozent ihrer Stärke verliert; zuvor war das Modellmittel von 32 Prozent ausgegangen.

Was ein Ausfall für Europa bedeutet

Für Deutschland wären die Folgen erheblich. Ohne die Strömung würde laut DMI der Meeresspiegel im Atlantikraum um etwa 50 bis 100 Zentimeter steigen, was Küstenregionen weltweit bedroht. Zusätzlich wären extreme Winter und Sommertrockenheit in Westeuropa zu erwarten. Da Millionen Menschen von den tropischen Niederschlagsgürteln abhängen, könnten sich diese bei einem Versiegen der Strömung massiv verschieben.

Wie es weitergeht

Die Utrechter Gruppe empfiehlt der Politik, das Tempo der Erwärmung als eigenes Klimaziel festzuschreiben – schon ein vorübergehendes Überschreiten der Klimaziele könne den Kipppunkt auslösen. Island hat die Gefahr seit November 2025 als Bedrohung der nationalen Sicherheit eingestuft und seinen Klimarat im April schärfere Emissionsziele fordern lassen. Offen bleibt die wissenschaftliche Debatte: Die Open-University-Studie um Philip Holden kommt auf 10 bis 23 Prozent Risiko, dass ein Kollaps selbst bei sofortigem Stopp der Erwärmung nicht mehr abzuwenden sei, im schlimmsten Szenario bis 2100 auf 80 Prozent – diese Arbeit ist allerdings noch nicht von Fachkollegen begutachtet. Der Weltklimarat hält einen abrupten Kollaps vor 2100 weiterhin für sehr unwahrscheinlich, allerdings nur mit mittlerer Sicherheit. Direkt gemessen wird die Strömung erst seit 2004.

Quellen

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