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Vinted-Paradox: Was der Secondhand-Boom an Nachhaltigkeit bringt

Plattformen wie Vinted boomen, doch ein neues Markenbündnis und eine Greenpeace-Analyse wecken Zweifel: Ersetzt Secondhand-Kleidung wirklich Neukäufe – und was bedeutet die Debatte für Käufer?

anltx Redaktion4 min Lesezeit Mit KI erstellt

Modekonzerne starten Bündnis für gebrauchte Kleidung

Adidas, Bestseller, H&M Group und Inditex haben gemeinsam mit der Organisation The Or Foundation die Apparel Recovery Coalition (ARC) gegründet, unterstützt von Circle Economy. Ziel ist ein Finanzierungsmodell, das die globalen Wege getragener Kleidung abbildet – einschließlich der Folgen in Ländern, die große Mengen gebrauchter Textilien aufnehmen. Der Start erfolgte auf dem Kantamanto-Markt in Accra, Ghana.

Neu ist der Ansatz: Herstellerverantwortungssysteme richten sich bislang weitgehend auf die Märkte des Erstverkaufs, obwohl gebrauchte Textilien massenhaft Grenzen überqueren. Laut Europäischer Umweltagentur exportiert die EU jährlich rund 1,4 Millionen Tonnen gebrauchter Textilien, vor allem nach Afrika und Asien. The Or Foundation schätzt, dass der Kantamanto-Markt monatlich 25 Millionen Kleidungsstücke neu in Umlauf bringt und Zehntausende Händler ernährt.

Das erste Demonstrationsprojekt soll Ghanas bestehende Kreislaufstruktur stärken: geplant sind Investitionen in die Marktinfrastruktur, Umweltsanierung und Schulungsprogramme. Ein zweites Projekt in einem weiteren Importland ist vorgesehen. Über die kommenden zwei Jahre zahlen die vier Gründungsmarken freiwillige Beiträge; die Koalition arbeitet über eine unabhängige Stiftung mit Sitz in den Niederlanden, Sekretariat ist Circle Economy.

Greenpeace veröffentlicht Marken-Audit aus Ghana

Wenige Tage zuvor, am 7. Oktober, hatte Greenpeace Africa ein Audit von 201 weggeworfenen Kleidungsstücken veröffentlicht, gesammelt zwischen 2. und 5. Oktober an James Town Beach, Kantamanto und Agbogbloshie. Zu den identifizierten Labels gehören Primark, Marks & Spencer und H&M – ein Etikett belege aber nicht, wer das Stück exportiert habe, wie Greenpeace betont. Begleitet wurde die Aktion von einer Installation aus Altkleidern und einer Petition mit über 25.000 Unterschriften, die an Ghanas Handelsministerium übergeben werden soll; gefordert werden ein Verbot unbrauchbarer Textilabfälle und mehr Verantwortung der Modekonzerne. Greenpeace beruft sich auf seinen Bericht „Fast Fashion, Slow Poison“: 89 Prozent von 164 getesteten Stücken an drei Deponien im Großraum Accra enthielten darin Synthetikfasern, an drei Waschhäusern in Old Fadama maß die Organisation Benzol.

Vinted boomen, die Zweifel auch

Der Secondhand-Boom selbst steht unterdessen auf dem Prüfstand. Das britische Magazin The Observer widmete sich dem „Vinted-Paradox“: Vinted, 2008 in Litauen gegründet, wurde im April mit 8 Milliarden Euro bewertet und erzielte im vergangenen Jahr weltweit Umsätze von mehr als einer Milliarde Euro; die Plattform startete in diesem Jahr in Australien und expandiert in den USA. Konkurrent Depop kam im vergangenen Jahr auf 141 Millionen Pfund Umsatz.

Fachleute bezweifeln indes, dass Secondhand-Käufe Neukäufe ersetzen. Mark Sumner, Leiter des Textilprogramms bei der Umweltorganisation Wrap, sagt sinngemäß: Wer ein gebrauchtes T-Shirt kaufe, kaufe weiterhin auch ein neues; erst vier bis fünf Secondhand-Teile verdrängten ein neues T-Shirt. Eine Nutzerin beschreibt suchtähnliches Scrollen und den Effekt, dass Verkaufserlöse in der App verbleiben und sich wie freies Geld anfühlen (aus dem Observer, sinngemäß übersetzt). Konkrete Zahlen für Deutschland nennen die Quellen nicht.

Die Plattformen widersprechen: Vinted teilt mit, 76 Prozent der Käufe hätten im vergangenen Jahr Neukäufe ersetzt, laut einer Umfrage unter knapp 40.000 Mitgliedern. Depop erklärt, mehr als drei von fünf Käufen verhinderten den Kauf eines neuen Teils. Charity-Shops verlieren derweil die verwertbarsten Stücke an die Plattformen, schreibt der Observer.

Für Käufer heißt das

Ein Wechsel des Kanals allein senkt die Umweltlast der Modebranche nicht. Die 76-Prozent-Angabe ist eine Selbstauskunft, keine unabhängige Messung. Fachleute halten die Reparatur für den wirksamsten Hebel gegen Massenkonsum, während Filter auf Vinted reparaturbedürftige Kleidung herabstufen. Für Käufer lautet die Kernfrage deshalb, ob Secondhand Neukäufe verdrängt oder den Konsum nur verlagert.

Was ist noch unklar

  • Ob die ARC-Projekte messbare Verbesserungen bringen; Ergebnisse werden erst im Projektverlauf erwartet.
  • Wie hoch die reale Netto-Einsparung an Neukäufen durch Vinted und Depop ist.
  • Wie sich der Secondhand-Boom in Deutschland entwickelt – dafür liegen keine Zahlen aus den Quellen vor.
  • Ob Käufer langfristig weniger statt nur anders konsumieren.

Wie geht es weiter

In den kommenden zwei Jahren wollen ARC und die Gründungsmarken mit Produzentenorganisationen, Sortierern, Recyclern, Behörden und betroffenen Gemeinden einen Blueprint für textile Kreislaufwirtschaft erproben; die Erkenntnisse aus beiden Projekten sollen internationale Systeme prägen. Bei Greenpeace steht als nächster Schritt die Übergabe der Petition an Ghanas Handelsministerium an; Vinted will in den USA weiter expandieren.

Quellen

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