WirtschaftStandortsicherung per Tarifkompromiss

Claas investiert 70 Millionen Euro in Paderborn – 100 neue Jobs bei längerer Arbeitszeit

Landmaschinenhersteller sichert Standort mit KI-Zukunftsfabrik. Belegschaft arbeitet sechs Jahre 2,5 Stunden mehr pro Woche unbezahlt.

anltx Redaktion3 min Lesezeit Mit KI erstellt

Claas baut KI-gesteuerte Zukunftsfabrik in Paderborn

Der Landmaschinenhersteller Claas investiert 70 Millionen Euro in seinen Standort Paderborn. Das Unternehmen kündigte die Erweiterung am 10. Oktober 2026 im Rahmen der Feier zum 70-jährigen Standortjubiläum an. Geplant ist eine "Zukunftsfabrik", in der Künstliche Intelligenz die Produktionsabläufe prägt. Dabei sollen die bestehenden 700 Arbeitsplätze langfristig gesichert und mehr als 100 neue Stellen geschaffen werden.

Kern der Vereinbarung: Mehrarbeit gegen Investitionssicherheit

Die Investition ist an einen Kompromiss mit der IG Metall gekoppelt. Die Belegschaft der Claas Industrietechnik (CIT) erklärt sich bereit, sechs Jahre lang wöchentlich 2,5 Stunden mehr zu arbeiten – also 37,5 statt 35 Stunden. Diese Mehrarbeit erfolgt unbezahlt. Nach Ablauf der sechs Jahre kehrt man zur 35-Stunden-Woche zurück. Der stellvertretende Betriebsratsvorsitzende Jörg Bettermann räumte ein, dass der Kompromiss "zu einigen Tumulten" geführt habe; die Mehrheit der Mitglieder sei aber bereit gewesen, "da was für zu geben".

Im Gegenzug sichert Claas zu, dass alle Beschäftigten an Fortbildungsmaßnahmen teilnehmen und sich für die KI-gestützte Produktion qualifizieren können. IG-Metall-Geschäftsführer Felix Wagner wertet dies als Signalwirkung "weit über Paderborn hinaus".

Hintergrund: Borchen-Aus und Verlagerungsdrohnung

Die Einigung kam nach unsicherer Phase zustande. Im Dezember 2025 hatte Claas einen Neubau in der Nachbargemeinde Borchen abgesagt – bürokratische Hürden hätten das Projekt zu lange verzögert. Anschließend drohte das Management, die Zukunftsfabrik wegen hoher Produktionskosten lieber in Ungarn oder Frankreich zu errichten. Wagner warnte: "Wenn moderne Bauteile für Landmaschinen erstmal anderswo entwickelt werden, wäre die Produktion in Paderborn irgendwann ausgelaufen."

Die IG Metall bot in den Verhandlungen die Mehrarbeitsvereinbarung an, was das Management schließlich überzeugte.

Was neu ist: KI-Fokus und Flächenkauf

Neu ist der explizite Fokus auf Künstliche Intelligenz in der Fertigung von Getrieben und Gummiraupenlaufwerken – Produkten, bei denen Claas eigenen Angaben nach Marktführer ist. Ermöglicht wurde die Erweiterung durch den Erwerb großer Nachbargrundstücke von Heidelberg Materials. Als Hauptgrund für den Ausbau nennt das Unternehmen die wachsende Nachfrage sowie die hohe Technologiekompetenz der Belegschaft.

Relevanz für Region und Branche

Für Paderborn und den Kreis Höxter sichert die Entscheidung einen bedeutenden Industriearbeitsgeber mit Hightech-Fokus. Für die Landtechnikbranche zeigt der Fall, wie Standortsicherung in Deutschland über Arbeitszeitmodelle und Qualifizierung verhandelt wird – vor dem Hintergrund internationaler Kostenvergleiche.

Was noch unklar ist

  • Konkreter Zeitplan für Baubeginn und Inbetriebnahme der Zukunftsfabrik
  • Detaillierte Inhalte und Finanzierung der Qualifizierungsmaßnahmen
  • Ob die 100 neuen Stellen zusätzlich zu den 700 bestehen oder teilweise Ersatz darstellen
  • Wie sich die Investition auf die gesamtunternehmerische Strategie von Claas (Stammsitz Harsewinkel) auswirkt

Nächste Schritte

Laut Quellen stehen folgende Schritte an: Umsetzung der Sechs-Jahres-Mehrarbeitsvereinbarung, Aufbau der Qualifizierungsstrukturen, bauliche Realisierung auf den erworbenen Flächen. Termine dafür nennt keine der Quellen explizit.

Quellen

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